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Was braucht es, um die Lebensrealität von Frauen zu verändern? Mut, Wissen – und Menschen, die sich weigern, wegzuschauen. Dr. Habsita Mahamat Abakar ist eine von ihnen. Als Assistenzärztin und als Gründungsmitglied der Organisation BUNARGED, die in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Menschenrechte tätig ist, setzt sie sich im Tschad für die Gesundheit und die Rechte von Frauen ein. Derzeit absolviert sie eine Facharztausbildung in Psychiatrie – und wird damit die erste Psychiaterin des Landes sein. Ihre Organisation ist Partnerin von Women’s Hope im Rahmen des Projekts „Geburtsfisteln im Tschad“, das wir mit momenteins unterstützen.
In diesem momenteins-Talk sprechen wir mit Habsita über Frauen, die nach schwierigen Geburten oft mit schwerwiegenden körperlichen und sozialen Folgen leben müssen. Aber wir sprechen auch über Mut, Würde, psychische Gesundheit und darüber, was eine einzelne Frau bewirken kann, wenn sie beschliesst, etwas zu verändern.
Ich bin im Tschad geboren und aufgewachsen. Die Medizin ist für mich schon seit meiner Kindheit eine Leidenschaft. Da ich in einem prekären Umfeld aufgewachsen bin, habe ich miterlebt, wie schwer es meiner Mutter fiel, für unsere Gesundheit zu sorgen – vor allem in der Regenzeit, wenn die Malaria wütete. Das war schmerzhaft, und ich sagte mir, dass ich Ärztin werden muss, um meiner Mutter diese Last abzunehmen.
Ich mag dieses Zitat, das Konfuzius zugeschrieben wird: „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du wirst keinen einzigen Tag in deinem Leben arbeiten müssen.“ Meinen Mitmenschen zu helfen, gibt mir eine gewisse Befriedigung, die jede Müdigkeit vertreibt…
Eine Frau auf dem Land im Tschad ist die Stütze, auf der die gesamte Gemeinschaft ruht – mit Ausnahme von ihr selbst! Die Frau auf dem Land ist eine echte Multitaskerin! Sie ist Ehefrau, Mutter, Pflegerin, Babysitterin, Köchin, Händlerin – und alle Bereiche der Gemeinschaft stützen sich auf sie. Allerdings werden all diese Aufgaben oft unterschätzt, und sie hat selbst nicht die nötige Zeit für sich. Eine traurige Realität!
Sehr früh verheiratet zu sein bedeutet im Tschad, vor dem 18. Lebensjahr verheiratet zu werden. Es gibt eine gesetzliche Regelung, die Frühehen verbietet – und diese ist sehr zu begrüssen. Dennoch ist es wichtig, wirksame Massnahmen zu ergreifen, um dieses Gesetz konsequent durchzusetzen, denn leider kommen Frühehen immer noch in vielen Gemeinden vor. Das ist auch einer der Gründe, warum unsere Organisation BUNARGED existiert. Denn in diesem Zusammenhang und aus biologischer Sicht wird eine Schwangerschaft automatisch zu einer Risikoschwangerschaft.
Bevor ich auf die Folgen eingehe, möchte ich zunächst die Geburtsfistel definieren. Eine Geburtsfistel ist eine abnormale Verbindung zwischen der Scheide und der Blase und/oder dem Enddarm, die in der Regel durch eine schwierige und langwierige Geburt ohne schnelle medizinische Versorgung verursacht wird. Die Betroffene leidet vor allem unter einem unwillkürlichen und anhaltenden Austritt von Urin und/oder Stuhl aus der Scheide.
In der Praxis kann eine Geburtsfistel im Tschad drei wesentliche Folgen haben:

Über die medizinische Behandlung hinaus benötigt die Überlebende psychosoziale Unterstützung, den Aufbau von Kompetenzen in einem bestimmten Bereich, vor allem aber ein Startkapital, das es ihr ermöglicht, eine einkommensschaffende Tätigkeit aufzubauen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und in ihrer Gemeinschaft ein Leben in Würde zu führen. Diese Begleitung muss langfristig erfolgen, um wirkungsvolle Ergebnisse zu gewährleisten.
Damit weniger Frauen von Geburtsfisteln betroffen sind, müssen wir in den Bereichen Prävention, Behandlung und vor allem sozioökonomische Wiedereingliederung ansetzen. Im Bereich der Prävention gilt es, die Einschulung von Mädchen und Jungen sowie deren Verbleib in der Schule zu fördern, denn eine gebildete Frau ist besser in der Lage, ihren Körper zu verstehen, Entscheidungen über ihre Gesundheit zu treffen und ihre Rechte geltend zu machen. Zudem müssen die Sensibilisierungsmassnahmen in den Gemeinden verstärkt werden, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf die Einbindung von administrativen, traditionellen und religiösen Autoritäten gelegt werden sollte. Die Einbindung ehemaliger Fistel-Überlebender ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung: Dank ihrer Erfahrungen können sie die Gemeinschaften sensibilisieren, von Fisteln betroffene Frauen identifizieren und an die richtige Stelle weiterleiten sowie dazu beitragen, die Stigmatisierung abzubauen.
Zudem ist es notwendig, gegen frühe Ehen und Schwangerschaften vorzugehen, Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen und Entbindungen unter Begleitung von qualifiziertem Personal zu fördern und vor allem den schnellen Zugang zu geburtshilflicher Notfallversorgung, insbesondere zu Kaiserschnitten, in ländlichen und schwer zugänglichen Gebieten zu erleichtern.
Was die Behandlung betrifft, so müssen chirurgische Eingriffe zur Wiederherstellung zugänglicher und regelmässiger gestaltet, mehr medizinische Fachkräfte in der Behandlung von Fisteln geschult und eine medizinische sowie psychologische Nachsorge nach der Operation gewährleistet werden.
Schliesslich muss die sozioökonomische Wiedereingliederung ein fester Bestandteil der Versorgung sein. Nach mehreren Jahren der Isolation und Stigmatisierung benötigen manche Frauen Begleitung, um ihren Platz in ihrer Familie und ihrer Gemeinschaft wiederzufinden. Berufliche Bildung, die Förderung einkommensschaffender Aktivitäten und psychosoziale Unterstützung können ihnen helfen, ihre Selbstständigkeit, ihre Würde und ihr Selbstvertrauen wiederzuerlangen.
Um die Geburtsfistel im Tschad nachhaltig zu beseitigen, muss daher vor dem Auftreten der Fistel durch Prävention, während der Erkrankung durch Zugang zur medizinischen Versorgung und nach der Heilung durch eine echte soziale und wirtschaftliche Wiedereingliederung gehandelt werden.
Ich habe mich für die Psychiatrie entschieden, weil ich im Laufe meiner Tätigkeit als Ärztin festgestellt habe, dass im Tschad ein enormer Bedarf an psychischer Gesundheitsversorgung besteht, während die spezialisierten Ressourcen nach wie vor sehr begrenzt sind. Viele Menschen leiden still vor sich hin und haben kaum Möglichkeiten, eine angemessene Versorgung zu erhalten.
Deshalb wollte ich mich in diesem Fachgebiet weiterbilden, um konkret dazu beizutragen, die psychische Gesundheitsversorgung im Tschad zu strukturieren, andere Fachkräfte auszubilden und vor allem dafür zu sorgen, dass die psychische Gesundheit als wesentlicher Bestandteil der Gesundheit angesehen wird.
Die erste tschadische Psychiaterin zu werden, bedeutet für mich auch eine Verantwortung: anderen Frauen und einer neuen Generation von Fachkräften im Bereich der psychischen Gesundheit den Weg zu ebnen.
Die Frauen, denen ich bei meiner Arbeit begegne, haben mir vor allem Resilienz beigebracht. Manche von ihnen haben jahrelang mit Krankheit, Stigmatisierung, Verlassenheit und manchmal grosser Unsicherheit gelebt. Doch sie bewahren sich eine bemerkenswerte Fähigkeit, ihr Leben wieder aufzubauen, sobald man ihnen eine Chance gibt. Sie haben mir auch gezeigt, dass es nicht ausreicht, eine Krankheit zu behandeln: Man muss dem Menschen zuhören, seine Lebensgeschichte verstehen und ihn begleiten, damit er seine Würde, sein Selbstvertrauen und seine Selbstständigkeit wiedererlangt. Diese Erkenntnis prägt meine Art, Medizin und Psychiatrie auszuüben, zutiefst.
Im Tschad bedeutet das Thema psychische Gesundheit und „für sich selbst sorgen“ in erster Linie, das eigene Leiden anzuerkennen und ohne Scham oder Stigmatisierung um Hilfe zu bitten. In unserem Kontext durchleben viele Menschen schwierige Situationen – Armut, Konflikte, Vertreibung, Gewalt oder Krankheiten –, doch das psychische Leiden wird oft verschwiegen. Für mich bedeutet, auf die eigene psychische Gesundheit zu achten, auch nicht erst zu warten, bis man krank ist, um zu handeln: sprechen zu können, Gehör zu finden, soziale Bindungen aufrechtzuerhalten und zu wissen, wo man Hilfe finden kann. Unsere Herausforderung im Tschad besteht daher darin, psychische Gesundheit verständlicher, weniger stigmatisiert und vor allem für alle zugänglicher zu machen.
Ich würde ihnen sagen, dass eine einzige Spende tatsächlich ein Leben verändern kann. In unserer Arbeit kann eine Spende einer Frau ermöglichen, operiert zu werden, ihre Kontinenz wiederzuerlangen, aber auch wieder einer Tätigkeit nachzugehen und ihren Platz in ihrer Familie und ihrer Gemeinschaft zurückzugewinnen. Hinter jeder Spende steht also etwas ganz Konkretes: eine Frau, die ihre Gesundheit, ihre Würde und die Möglichkeit zurückgewinnt, ihre Zukunft neu zu gestalten.

Mein „Moment eins“ ist ganz einfach, Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Bei einem oft sehr ausgefüllten Alltag zwischen Medizin, Studium und meinen Engagements ermöglichen mir diese Momente, einen Gang herunterzuschalten, mich wieder auf das Wesentliche zu besinnen und mein Gleichgewicht wiederzufinden. Von meinen Lieben umgeben zu sein, gemeinsam zu essen, zu reden, zu lachen oder einfach nur zusammen zu sein, ermöglicht es mir, neue Kraft zu tanken und die nötige Energie zu finden, um das weiterzumachen, was ich tue.
Wir danken Habsita von Herzen für dieses spannende Interview.