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Für unseren ersten momenteins Talk haben wir eine Frau eingeladen, die Achtsamkeit, Bewegung und Selbstwahrnehmung auf einzigartige Weise verbindet: Ula Matlak. Ula ist Yoga Lehrerin, Trail Runnerin, Self Portrait Fotografin und hat Sportmanagement studiert. Sie kennt die Welt der Events genauso gut wie die der inneren Balance. Heute nutzt sie Fotografie und Bewegung, um Frauen zu zeigen, wie kraftvoll es ist, sich selbst zu sehen – wirklich zu sehen.
Ein Gespräch über Körperbewusstsein, Selbstfürsorge, Verletzlichkeit und die Frage, wie man sich selbst immer wieder neu begegnet.
Für mich bedeutet Achtsamkeit, dem, was ich gerade im gegenwärtigen Moment tue, meine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Mein Verständnis von Achtsamkeit hat sich verändert, nachdem ich Zeit mit Mönchen in einem Kloster in Nepal verbracht hatte. Vorher dachte ich, Achtsamkeit sei etwas, das man nur durch Meditation oder in ruhigen Momenten praktiziert. Aber sie haben mir gezeigt, dass Achtsamkeit in den einfachsten Alltagsaktivitäten zu finden ist – sogar beim Zähneputzen.
Oft motiviere ich Menschen, ein kleines Experiment auszuprobieren: Wenn du dir immer mit der rechten Hand die Zähne putzt, mach es stattdessen mit der linken Hand. Plötzlich musst du aufmerksam sein. Du nimmst jede Bewegung wahr, weil du nicht mehr auf Autopilot läufst. Das zeigt, wie viel von unserem Alltag wir durchlaufen, ohne wirklich präsent zu sein. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass es bei Achtsamkeit nicht darum geht, dem Tag eine weitere Aufgabe hinzuzufügen. Es geht darum, das Bewusstsein auf das zu lenken, was man gerade tut. Ob ich jogge, fotografiere, eine Tasse Tee trinke oder einfach nur meine Zähne putze – Achtsamkeit bedeutet, ganz da zu sein, und zwar einen Moment nach dem anderen.
Die Selbstporträtfotografie hat mich gelehrt, mich selbst mit mehr Neugier und mit weniger Vorurteilen zu betrachten. Wenn ich Selbstporträts mache, versuche ich nicht, Perfektion einzufangen. Ich versuche Ehrlichkeit einzufangen. Das hat mir geholfen, mir selbst gegenüber mitfühlender zu werden und mich so zu akzeptieren, wie ich bin.
Die Zusammenarbeit mit anderen Frauen ist ebenso prägend. So viele Frauen kommen zu einem Fotoshooting und fühlen sich vor der Kamera unwohl, weil ihnen ihr Aussehen nicht gefällt. Meine Aufgabe ist es nicht, sie zu verändern, sondern ihnen zu helfen, das zu erkennen, was ich bereits sehe.
Durch mein Objektiv möchte ich ihre wahre Schönheit, ihre Einzigartigkeit und die Eigenschaften offenbaren, die sie zu dem machen, was sie sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass jede Frau schön ist. Zu sehen, wie jemand ein Fotoshooting verlässt, ein wenig aufrechter steht, mehr lächelt und sich selbst mit grösserem Selbstvertrauen sieht, ist der lohnendste Teil meiner Arbeit. Zu wissen, dass ich jemandem geholfen habe, wieder zu sich selbst zu finden, bedeutet mir weit mehr, als es jede Bezahlung jemals könnte.
In der Natur finde ich wieder zu mir selbst zurück. Sie lässt den ständigen Lärm des Alltags verstummen und erinnert mich daran, was wirklich zählt. Meine besten Ideen kommen selten am Schreibtisch, sondern wenn ich draussen bin und mich bewege. In den Bergen fühle ich mich unglaublich klein – wie eine Ameise. Und seltsamerweise ist das eines der tröstlichsten Gefühle überhaupt. Plötzlich erscheinen all die Probleme, die mir so wichtig erschienen, viel kleiner. Von Landschaften umgeben zu sein, die schon seit Ewigkeiten existieren, erinnert mich daran, dass ich nur für einen kurzen Moment hier bin. Die Natur war schon lange vor mir da und wird noch lange weiterbestehen, nachdem ich gegangen bin.
Diese Perspektive macht mich demütiger und zutiefst dankbar für die Zeit, die ich auf dieser Erde habe. Sie erinnert mich daran, das Leben – oder mich selbst – nicht zu ernst zu nehmen, sondern stattdessen das einfache Privileg zu schätzen, hier zu sein und diese wunderschöne Welt zu erleben. Die Natur lehrt mich Geduld, Widerstandsfähigkeit und Akzeptanz, und diese Lektionen fliessen ganz natürlich sowohl in meine Fotografie als auch in meinen Alltag ein.

Trail Running versetzt mich vollkommen in den gegenwärtigen Moment. Wenn man sich auf technischen Pfaden zurechtfinden oder steile Anstiege bewältigen muss, bleibt dem Geist nichts anderes übrig, als sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren: den nächsten Schritt. Da ist kein Platz für Grübeleien oder Ablenkungen – nur das Laufen. Diese geistige Klarheit finde ich sonst kaum irgendwo. Es erinnert mich auch daran, dass mein Körper zu so viel mehr fähig ist, als ich oft glaube. Jeder Anstieg, jeder lange Lauf, jeder schwierige Trail lehrt mich, meinem Körper zu vertrauen, anstatt ihn zu unterschätzen. Immer wieder zeigt es mir, dass meine Grenzen oft viel weiter entfernt sind, als ich mir vorstelle.
Gleichzeitig hat mir Trail Running Demut beigebracht. Wenn ich auf den Trails unterwegs bin, habe ich nicht das Gefühl, dass mir die Berge gehören – ich fühle mich wie ein Gast. An diesen wunderschönen Orten laufen zu dürfen, ist ein Privileg, das ich niemals als selbstverständlich ansehen sollte. Deshalb glaube ich, dass wir die Natur respektieren, jeden Trail in einem besseren Zustand hinterlassen sollten, als wir ihn vorgefunden haben. Und immer dankbar sein sollten, dass wir die Möglichkeit haben, diese unglaublichen Landschaften zu erleben. Dieses Gefühl der Dankbarkeit ist eines der grössten Geschenke, die mir das Trail Running gemacht hat.
Wenn ich zurückblicke, erscheint mir mein beruflicher Werdegang nicht immer logisch. Ich habe Chancen genutzt, die damals nicht unbedingt miteinander in Verbindung zu stehen schienen. Aber mit etwas Abstand kann ich erkennen, dass jede Erfahrung ein Teil desselben Puzzles war. Ganz gleich, was ich tat – ob im Sportmanagement, beim Unterrichten von Yoga, beim Fotografieren oder beim Laufen in den Bergen – meine Absicht war es immer Menschen zu inspirieren. Ich möchte anderen zeigen: Wenn ich es geschafft habe, meine Komfortzone zu verlassen, meiner Neugier zu folgen und mir ein Leben aufzubauen, das sich sinnvoll anfühlt, dann können sie das auch.
Jeder Job, den ich hatte, und jeder Mensch, den ich getroffen habe, hat mir etwas Wertvolles beigebracht. Rückblickend würde ich kein einziges Kapitel weglassen, denn jedes einzelne hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Ich habe gelernt, dass das Leben viel magischer wird, wenn man aufhört, jedes Ergebnis kontrollieren zu wollen. Natürlich ist es wichtig, Ziele zu haben, aber genauso wichtig ist es, dem Prozess zu vertrauen. Nicht alles muss im Moment Sinn ergeben. Manchmal versteht man erst Jahre später, warum etwas passiert ist. Ich glaube, das Leben entfaltet sich wie ein Puzzle – Stück für Stück – und wenn man dieser Reise vertraut, fügt sich irgendwann alles zusammen. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich hier bin, um Gutes zu tun, andere zu inspirieren und dabei immer weiter zu lernen.
Für mich beginnt Selbstfürsorge damit, sich selbst zu kennen. Man muss verstehen, wer man ist und was einem wirklich guttut, um auf sinnvolle Weise für sich selbst sorgen zu können. Was dem einen gut tut, muss für einen anderen nicht unbedingt das Richtige sein – Selbstfürsorge ist also nichts, was man kopiert, sondern etwas, das man für sich entdeckt.
Eine der wichtigsten Formen der Selbstfürsorge ist es, Nein zu den Dingen, Menschen und Situationen zu sagen, die einem nicht mehr guttun. Die eigenen Grenzen zu respektieren, ist eine der grössten Formen der Selbstachtung. Je mehr man seine Bedürfnisse achtet, desto mehr Energie hat man für die Dinge, die wirklich wichtig sind.
Ich glaube, dass Selbstfürsorge eher in kleinen, alltäglichen Ritualen liegt als in grossen Dingen. Das kann sein, dass man seinen Lieblingsweihrauch anzündet, seinen Wohnraum sauber und friedlich hält, sich ohne besonderen Anlass Blumen kauft, ein langes Bad nimmt, einen Spaziergang macht oder sich einfach Zeit nimmt, um mit seinen Gedanken allein zu sein. Diese kleinen Gewohnheiten mögen einfach erscheinen, aber sie haben die Kraft, deine Seele zu beflügeln und dich wieder zu dir selbst zu bringen, wann immer du es brauchst.
Für mich ist Selbstfürsorge kein Luxus – sie ist eine tägliche Übung darin, mich selbst mit Freundlichkeit und Achtsamkeit in den Mittelpunkt zu stellen.
Solche Momente kommen häufiger vor, als man vielleicht denkt, vor allem, weil ich viel reise, oft die Umgebung wechsle und ständig neue Menschen kennenlerne. So aufregend dieser Lebensstil auch ist, kann er emotional auch überwältigend sein. Ich habe erkannt, dass es nach einer intensiven Phase wichtig ist, einen Gang herunterzuschalten, bevor ich mich in das nächste Projekt stürze. Ich glaube nicht mehr daran, dass ich mich so schnell wie möglich „in Ordnung bringen“ muss. Stattdessen versuche ich, sanft mit mir selbst umzugehen und zu akzeptieren, dass nicht jeder Tag gleich sein wird. Meistens sind die Dinge, die mir helfen, wieder zu mir selbst zu finden, ganz einfach: ein Spaziergang in der Natur, das Lesen eines Lieblingsbuchs an einem ruhigen Ort, an dem mich niemand finden kann, Journaling oder einfach nur, mir einen guten Schlaf zu gönnen.
Jorunaling ist übrigens zu einer meiner liebsten Methoden geworden, um Gefühle zu verarbeiten. Ich stelle es mir oft wie ein Gespräch mit einem guten Freund vor. Es hilft mir zu verstehen, was wirklich unter der Oberfläche vor sich geht, anstatt diese Gefühle zu verdrängen. Ich glaube, der erste Schritt besteht einfach darin, sich bewusst zu machen, dass man sich abgekoppelt fühlt. Wenn man seine eigenen Muster kennt und erkennt, kann man mit Mitgefühl reagieren, anstatt zu urteilen.
Für mich bedeutet Stärke nicht, immer hart zu sein. Es geht darum, an mich selbst zu glauben, auch wenn niemand sonst es tut, und mir zu erlauben, ein echter Mensch zu sein – mit Ängsten, Zweifeln, Gefühlen und Unvollkommenheiten. Wahre Stärke entsteht daraus, zu wissen, wer man ist, und sich selbst treu zu bleiben. Es bedeutet, Entscheidungen zu treffen, die einem Freude bereiten und mit den eigenen Werten übereinstimmen, auch wenn andere sie nicht verstehen oder meinen, man solle einen anderen Weg einschlagen.
Ich glaube auch, dass es viel Stärke bedeutet, anders zu sein. Es erfordert Mut, sich selbst treu zu bleiben, wenn alle anderen versuchen, gleich zu sein. Manchmal ist es das Stärkste, das anzunehmen, was einen einzigartig macht, anstatt es zu verbergen, um sich anzupassen. Für mich bedeutet Stärke auch, Risiken einzugehen und mutig genug zu sein, den eigenen Ideen zu folgen, selbst wenn sie für andere unrealistisch oder unmöglich klingen. Einige der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe, sahen von aussen betrachtet völlig verrückt aus. Wenn sich etwas in deinem Herzen wirklich richtig anfühlt, glaube ich, dass es sich lohnt, es zu verfolgen.
Letztendlich wird Stärke nicht daran gemessen, wie viel du tragen kannst – sie wird daran gemessen, wie authentisch du bereit bist, dein eigenes Leben zu leben.
Ich sage Frauen immer wieder, sie sollen darauf achten, wie sie mit sich selbst sprechen. Hört einen Moment lang auf eure innere Stimme und fragt euch: Würde ich diese Worte zu jemandem sagen, den ich von ganzem Herzen liebe? Wenn die Antwort „Nein“ lautet, warum sagt ihr sie dann zu euch selbst?
Als Frauen sind wir oft unsere eigenen grössten Kritikerinnen. Wir erkennen selten an, was wir alles leisten. Ich habe so viele unglaubliche Frauen kennengelernt, die es schaffen, jeden Tag zehn verschiedene Rollen unter einen Hut zu bringen – grossartige Mütter, erfolgreiche Karrierefrauen, fürsorgliche Töchter, unterstützende Freundinnen. Während ich mich frage, wie sie das alles hinkriegen, haben sie immer noch das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir anfangen, uns selbst ein bisschen mehr zu würdigen.
Wenn ich jede Frau zu einer einzigen Sache ermutigen könnte, wäre es diese: Halte einen Moment inne und schreibe alles auf, wofür du an dir selbst und in deinem Leben dankbar bist. Wir verbringen so viel Zeit damit, uns mit Menschen zu vergleichen, die wir für hübscher, klüger, erfolgreicher oder selbstbewusster halten, dass wir vergessen, unsere eigene Einzigartigkeit zu schätzen. Dein Körper ist nicht dein Feind. Er ist dein Zuhause. Er ist das unglaubliche Werkzeug, das es dir ermöglicht, dieses Leben zu erleben. Menschen zu umarmen, die du liebst, Berge zu besteigen, zu tanzen, zu lachen, zu weinen, zu reisen und Erinnerungen zu schaffen. Warum sollten wir ihn bestrafen, nur weil er nicht so aussieht, wie wir glauben, dass er aussehen sollte?
Natürlich habe ich auch ich manchmal damit zu kämpfen. Ich bin nicht immun gegen Selbstkritik. Doch dann erinnere ich mich daran dankbar zu sein. Dankbar für meinen Körper, der es mir ermöglicht, so viele schöne Momente in meinem Leben zu erleben. Und genau deshalb möchte ich ihn mit Freundlichkeit, Respekt und Dankbarkeit behandeln.
Letztendlich werden sich die Menschen nicht daran erinnern, ob wir den „perfekten“ Körper hatten. Sie werden sich daran erinnern, wie wir sie fühlen liessen, an die Liebe, die wir geteilt haben, an die Abenteuer, die wir erlebt haben, und an das Leben, das wir gelebt haben. Ich hoffe, dass sich mehr Frauen dafür entscheiden, sich selbst zu schätzen, anstatt ständig zu versuchen, jemand anderes zu werden, denn sie sind genau so, wie sie sind, bereits gut genug.
Vielen Dank, liebe Ula, für dieses kraftvolle Interview.